Auf dem future!publish-Kongress 2020 in Berlin fand auch eine Podiumsdiskussion über die Bibliodiversität der Zukunft statt. 


Es diskutierten: 

  • Britta Jürgs, Verlegerin des AvivA Verlags und Vorsitzende der Kurt-Wolff-Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene
  • Nina Wehner, Buchhändlerin der Buchhandlung „Die Buchkönigin“ und Mitglied im Zusammenschluss Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus
  • Jörg Sundermeier, Mitbegründer des Verbrecher Verlages und Vorstand der Kurt-Wolff-Stiftung

Was ist Bibliodiversität?

Sundermeier führte aus, dass es beim Begriff der Bibliodiversität im weiteren Sinne um Fragen des Schutzes der Buchkultur gehe und im engeren Sinne um ein vernünftiges Miteinander zwischen unabhängigen Buchhandlungen, Verlagen und Autoren. Das Wort lehne sich an den Begriff der Biodiversität an, der hervorhebt, dass es in der Natur auf Vielfalt ankommt. Gleiches gilt auch für die Buchbranche: Es kann nicht sein, dass jene mit mächtiger Marktposition bevorzugt werden. Der Markt muss fair sein und lebt auch von Nischenprodukten wie Übersetzungen aus kleineren Sprachen, Literatur von Minderheiten oder kleinen Gattungen wie beispielsweise der Lyrik. Bibliodiversität sei also ein schlagkräftiges Wort zur Förderung der kulturellen Vielfalt des Buchhandels.


Wie steht es um die Bibliodiversität?

Jürgs meinte, in Deutschland haben wir diesbezüglich aktuell noch einen recht guten Stand – verglichen beispielsweise mit den USA. Wir haben unabhängige Buchhandlungen, Ketten, große und kleine Läden – jeder fände, was er suche. So fragte Jürgs, wo denn eigentlich das Problem läge.

Das Problem, so Wehner, liege in dem Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Machbarkeit und dem, was sie in ihrer Buchhandlung sichtbar machen wolle. Ein Problem sei außerdem die schier unüberschaubare Flut an Vorschauen und Katalogen, die bei ihr einträfen – sie verliere zu oft den Überblick und stellte nicht selten fest, doch wieder vor allem von größeren Verlagen gekauft zu haben, statt von kleinen, wie geplant. 

Jürgs warf an dieser Stelle ein, dass es auch wichtig wäre, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Frauen in der Buchbranche noch häufig unterrepräsentiert seien – als Autorinnen oder Buchpreisgewinnerinnen beispielsweise. Und was für die Geschlechter gilt, gilt für jegliche Vielfalt in der Buchlandschaft: Alles sollte in ausgewogenem Verhältnis vorhanden sein.

Ein anderes Problem bezüglich der Bibliodiversität sieht Sundermeier darin, dass Barsortimenter Titel auslisten, die sich nicht gut verkauften – viele Tausend Bücher, die dann einfach nicht mehr sichtbar wären. Wehner setzte dem entgegen, dies sei für sie kein Problem, sie nutze andere Quellen um an Bücher zu kommen. Dieses Handwerk habe sie schließlich in ihrer Ausbildung erlernt. Leider gäbe es zu viele Buchhändler ohne fundiertes Basiswissen, die nur aus einer Quelle bestellten – was dort nicht zu finden ist, existiert dann eben nicht. In diesem Zusammenhang sprach sich Jürgs dafür aus, dass es besserer Instrumente zur Recherche bedürfe.

Sundermeier findet, dass technische Aspekte nicht das größte Problem für eine mangelnde Bibliodiversität wären. Das größte Problem sei die vielerorts fehlende Solidarität innerhalb der Buchbranche. Seiner Meinung nach gäbe es zu viele Einzelkämpfer, die allen beweisen wollten, dass sie alles alleine schaffen müssten. Wehner pflichtete ihm bei und bedauerte, die rückläufigen Mitgliederzahlen des Börsenvereins des deutschen Buchhandels und stellte abschließend fest: Viele Buchhändler führten ein reines Wirtschaftsunternehmen – es gehe in der Branche jedoch auch um Inhalte und Werte.

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