Teil der diesjährigen Retail Innovation Days war eine Podiumsdiskussion über Food-Waste. Unter den erschwerten Bedingungen einer Videokonferenz kamen 8 Teilnehmende zusammen, um über den Wandel in der Wertschätzung von Lebensmitteln zu diskutieren.

Aus Berlin zugeschaltet war Prof. Dr. Silke Bartsch, sowohl in ihrer Funktion als Professorin für Arbeitslehre an der Technischen Universität Berlin als auch Stellvertretende Vorsitzende der Handelskommission in Baden-Württemberg. Die Politik wurde vertreten durch Friedlinde Gurr-Hirsch vom Ministerium für Ländlichen Raum, Ernährung und Verbraucherschutz. Außerdem anwesend war Sabine Hagman, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, Dr. Elisabeth Koep von Lidl, Michaela Meyer und Steffen Ueltzhöfer von EDEKA sowie Sabine Stachorski von Rewe. Die DHBW wurde von Prof. Dr. Beate Scheubrein vertreten.

Die Diskussion wurde durch sechs Kurzfilme gegliedert, die jeweils als Einstieg in verschiedene Themen dienten: staatliche Wegwerf-Verbote, Sinn und Unsinn des Mindesthaltbarkeitsdatums, Verkauf von 1B-Ware, XXL-Verpackungsgrößen, Containern und innovative Verpackungsformen.

1. Staatliche Wegwerf-Verbote

Bei staatlichen Wegwerf-Verboten für Einzelhändler diente Frankreich als Gegenbeispiel für den deutschen Ansatz. Während in Frankreich Einzelhändler nicht verkaufte Lebensmittel entweder spenden oder für Tierfutter oder Industrie zur Verfügung stellen müssen, sind diese Abgaben in Deutschland freiwillig. Jedoch war die einstimmige Meinung aller Diskussionsteilnehmer, dass das freiwillige Prinzip in Deutschland sehr gut funktioniert. Sabine Hagman sprach von 4% der Lebensmittelverschwendung, die auf den EInzelhandel entfalle. Vor allem die Zusammenarbeit mit den Tafeln wurde sehr gelobt, ebenso die Verwendung von Projekten wie der Lebensmittel-Retter-App “Too good to go”. Von Seiten des Einzelhandels wurden vor allem Sensibilisierung der Kunden und der preisreduzierte Verkauf von Produkten nahe dem Mindesthaltbarkeitsdatums als Strategien gegen unnötiges Wegwerfen von Lebensmitteln genannt.

2. Sinn und Unsinn des Mindesthaltbarkeitsdatums

Beim Thema Mindesthaltbarkeitsdatum wurde von allen Seiten Änderungsbedarf geäußert. Rein rechtlich bedeutet das MHD, dass die Verantwortung für die Genießbarkeit des Produkts vom Hersteller an den Händler und schlussendlich an den Kunden abgegeben wird. Daher wurde von allen genannt, dass es eine stärkere Sensibilisierung der Verbraucher braucht: ein abgelaufenes MHD bedeutet nicht automatisch, dass ein Produkt nicht mehr genießbar ist. Sabine Stachorski von Rewe nannte das MHD auch eine “Lizenz zum Wegwerfen”. Außerdem kam vom Einzelhandel die Forderung nach einer stärkeren Differenzierung: Obst und Gemüse bräuchten demnach kein gesondertes MHD, weil es dem Produkt angesehen werden kann, wann es nicht mehr gut ist. Außerdem seien Produkte wie Reis oder Nudeln sowie die meisten Gewürze unter den richtigen Bedingungen nahezu unbegrenzt haltbar, auch hier ergibt ein MHD wenig Sinn. Anders dagegen bei Fleisch- und Molkereiprodukten, bei denen ein genaues Datum durchaus sinnvoll ist.

3. Verkauf von 1B-Ware

Eine weitere Ursache für das Wegwerfen von Lebensmitteln liegt in den Prozessen, bevor die Produkte überhaupt im Laden ankommen. Der nächste Teil der Diskussion drehte sich um sogenannte 1B-Ware. Prof. Dr. Silke Bartsch sah die Verantwortung beim Endkunden. Es gibt viele Möglichkeiten, vor allem frisches Obst und Gemüse einzukaufen; auf den meisten Wochenmärkten finden sich durchaus krumme Gurken und zusammengewachsene Karotten. Aber auch der Einzelhandel versucht dem Problem entgegenzuwirken, so gibt es etwa bei EDEKA Lebensmittel-Retter-Tüten, in denen 1B-Ware vergünstigt verkauft wird. Von Steffen Ueltzhöfer kam die Frage auf, ob eine Einteilung in 1A- und 1b-Waren überhaupt einen Sinn ergibt, die Beantwortung blieb die Diskussion jedoch schuldig.

4. XXL-Verpackungsgrößen

Als viertes Thema wurden Verpackungsgrößen diskutiert. In jedem Supermarkt gibt es kleine, mittlere und XXL Verpackungen von ein und demselben Produkt. Welche benötigt wird, hängt vom Geschäftsmodell und von der Zielgruppe ab. Dr. Elisabeth Koep beispielsweise nannte Familien als eine große Zielgruppe von Lidl-Märkten, sodass große Verpackungsgrößen hier sinnvoll wären. In Single-Haushalten sind dagegen kleinere Verpackungen beliebter. Problematisch wird es erst, wenn sich der Preis der verschiedenen Größen zu sehr unterscheidet, dann werden Mengen gekauft, die gar nicht verbraucht werden können. Das kann jedoch durch intensive Zielgruppen-Analyse verhindert werden.

5. Containern

Ein in Deutschland viel diskutiertes Thema - Containern - wurde in dieser Runde relativ schnell abgearbeitet. Entgegen dem Irrglauben, dass sich in den Mülltonnen von Supermärkten auch gute Lebensmittel befinden, wird dort nur weggeworfen, was weggeworfen werden muss. Allein aus wirtschaftlichen Gründen, denn der Verlust wird nicht ersetzt. So landen dort Molkereiprodukte, bei denen die Kühlkette unterbrochen wurde, Lebensmittel, die Schimmel ausgesetzt waren oder die zurückgerufen werden mussten. Allerdings gab Friedline Gurr-Hirsch zu bedenken, dass beim Containern immer auch ein politisches Zeichen gesetzt werden soll - unter anderem gegen Lebensmittelverschwendung. Dort müsse man ansetzen.

6.  Innovative Verpackungsformen

Der letzte Teil der Diskussion gab einen Ausblick in die Zukunft: was kann durch innovative Verpackungsformen wie Branding oder Coating erreicht werden? Es sind Möglichkeiten, die sich bisher noch in den Kinderschuhen befinden, aber durchaus Potenzial haben. Jedoch sind die Anwendungsmöglichkeiten außerhalb von Obst und Gemüse relativ begrenzt. Obst und Gemüse wird jedoch häufig in dünnen und klaren Plastikfolien eingepackt, die einfach zu recyceln sind. Viel wichtiger ist es, bedrucktes, dunkles oder beschichtetes Plastik zu vermeiden, weil diese Arten nur schwer dem Recycling-Kreislauf hinzugefügt werden können.

Was kann ich als Verbraucher tun?

Zum Ende der Veranstaltung wurde die Frage geklärt: was kann ich als Verbraucher tun? Am einfachsten umzusetzen ist eine sensorische Prüfung, bevor man Lebensmittel wegschmeißt. Wie riecht das Produkt? Sieht es noch gut aus? Wie schmeckt es? Außerdem kann die richtige Lagerung durchaus zu längeren Haltbarkeiten führen, nicht nur das Einfrieren von Möglichkeiten. Zu Guter Letzt wurde auf “altes neues” Wissen hingewiesen: So können z.B. aus hart gewordenem Brot Knödel hergestellt werden.