Radiostation

Nele Heise erklärt das Radioprogramm der Zukunft

Durch digitale Möglichkeiten und on-demand Streaming-Diensten verändert sich auch das Radio. Die freie Medienforscherin Nele Heise hat fünf Thesen aufgestellt, mit deren Hilfe sich Radiosender auf die Veränderungen einstellen können. Die Thesen wurden auf den Medientagen München anschließend in einem Panel diskutiert, zu dem Johannes Ott von Radio Gong 96,3, Melanie Fuchs von N-Joy NDR und Marilena Dahlmann von Bremen Vier eingeladen waren.

1. These

Die erste These fordert Radiosender dazu auf, ihrem Publikum mehr zuzutrauen und auch fachlich anspruchsvolle Inhalte zu senden. “Do the deep dive” sagt Nele Heise dazu, das sei besonders in Situationen wichtig, in denen die Hörer Informationen wünschen - wie etwa in einer weltweiten Pandemie wie sie momentan herrscht. Im zweiten Teil des Panels wurde zu dieser These die Frage gestellt, inwiefern Radiosender eine Haltung zu einzelnen Themen ausstrahlen sollten. Melanie Fuchs gab dabei zu bedenken, dass Haltung zwar wichtig ist, aber Radiosender auch eine Auftrag zur neutralen Berichterstattung haben. Durch regelmäßiges Monitoring von Feedback auf sämtlichen Kanälen kann man gut feststellen, in welchen Formaten Haltung gewünscht sei, so Johannes Ott. Das Problem sei vielmehr die fehlende Manpower, um dieses Feedback einzuholen und zu analysieren.

2. These

Mit ihrer zweiten These spricht Nele Heise genau dieses Feedback an: Radiosender sollten mehr Diskurs mit ihren Hörern zu lassen und mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren. Der Dialog auf Social Media ist dazu jedoch nicht immer geeignet, weshalb andere Formate geschaffen werden müssten, etwa auf der eigenen Website oder im Programm. Johannes Ott gab zu Bedenken, dass es zunehmend schwerer wird, den Überblick zu behalten, je mehr Kanäle ein Sender bespielt. Auch sei es eine Gratwanderung zwischen Nähe und professioneller Distanz, die in einigen Formaten gewünscht sei. Marilena Dahlmann sieht einen ganz klaren Vorteil bei kleineren, regionalen Sendern, da durch das kleinere Einzugsgebiet diese Nähe automatisch gegeben ist und auch das Community-Management auf den einzelnen Kanälen einfacher ist.

3. These

Die dritte These spricht die Standartbeiträge an, die strikt nach Sendeuhr geplant und ausgestrahlt werden. Laut Nele Heise lösen sich diese strengen Zeitgitter im digitalen Radio auf und machen Platz für innovative Programme. Wie das umgesetzt wird, unterscheidet sich noch sehr zwischen den einzelnen Sendern. Bei Bremen Vier gibt es beispielsweise kaum noch feste Zeitpläne, auch bei Radio Gong 96,3 lösen sie sich immer weiter auf. N-Joy NDR steht dagegen erst am Anfang dieses Prozesses.

4. These

Die vierte These spricht das Thema Diversität an, besonders in der Vielfalt der Stimmen. Radiosender stehen in der Verantwortung, mögliches Schubladen-Denken aufzuweichen. Laut Nele Heise sollte Radio das Gesamtbild der Gesellschaft abbilden, nicht nur bei den Themenfeldern, sondern auch bei Mitarbeitern und Moderatoren. Neue digitale Programme können häufig Nischen bedienen, die in den klassischen Radioformaten untergehen.

5. These

Die fünfte These besagt, dass Radiosender digitale sichtbar werden und bleiben müssen. Dabei sind häufig neue Wege am erfolgreichsten, etwa Programme auf Streaming-Plattformen wie Twitch oder in-game bei beliebten Videospielen. Damit das funktioniert, versucht Johannes Ott ein Team aus Experten zusammenzustellen, die jeweils für die einzelnen Kanäle verantwortlich sind, aber alle untereinander vernetzt sind. Melanie Fuchs weist darauf hin, dass die Zielgruppe der Kanäle nicht zwangsläufig übereinstimmt. So sind die Instagram-Follower eines Senders nicht immer die gleichen, die auch wirklich das Radio auf diesem Sender einschalten.


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