E-Sport Veranstaltungen sind längst ein wirtschaftliches Ereignis geworden. E-Sportler verdienen mittlerweile mehr als viele Profi-Fußballspieler. Kürzlich wurde die Rekordpreisgeldmarke von 30 Millionen Euro für ein einziges Event (die 9. Dota2 Weltmeisterschaft TI9) übertroffen. Ist Gaming aber vielleicht auch kulturell und unter sozialen Gesichtspunkten wichtig? Beeinflusst es vielleicht sogar unsere Gesellschaft im Ganzen? Und was ist eigentlich sozial und warum sollte uns das interessieren?

Über genau diese Themen handelte der Podcast WaSozial von Rocket Beans TV. In dieser Episode sprachen Daniel „Budi“ Budimann, der u.a. als Moderator bei GIGA bekannt wurde, und Manoucher Shamsrizi über Gaming und das Start-Up RetroBrain, das Manoucher gegründet hat. Allein der Lebenslauf von Manoucher sollte uns dazu bewegen sich die hier aufgeworfenen Thesen anzuhören. Er studierte politische Philiosophie mit Schwerpunkt Gerechtigkeitstheorie und ist Mitgründer des gamelab.berlin der Berliner Humboldt Universität. Laut der Washington Post ist er einer der berühmtesten Stimmen der jungen deutschen Generation und laut Hamburger Morgenpost ein Shootingstar der Start-Up-Szene.


Kapitel 1: RetroBrain

Dieses Start-Up verfolgt den Ansatz, Gaming auch für die ältere Generation zugänglich zu machen und hat für diesen Zweck eine Spielkonsole für Bewohner von Altenheimen entwickelt. Der Sinn dahinter ist, dass ältere Menschen sich durch Spiele wieder mehr bewegen, stärker in soziale Gruppen integriert werden und bessere Tagesstrukturen aufbauen können. So können sie gesünder altern und auch noch Spaß dabei haben, ohne dass jemand ihnen aufgibt sich mehr zu bewegen oder mehr mit den anderen Bewohnern zu unternehmen. 

Die Idee zu RetroBrain kam den Entwicklern durch die Frage, was Gaming mit der Kultur macht. Schließlich kamen die Beteiligten zu der Erkenntnis, dass beim Gaming (vor allem Online), keine Volksgruppen und Minderheiten diskriminiert werden. Online spielt man mit Menschen auf der ganzen Welt, ungeachtet der Nationalität und der Ethnizität. Warum sollten also nicht auch ältere Menschen von einer solchen Inklusion profitieren können?

Die Schwierigkeit bei der Entwicklung dieser Konsole lag nun daran, klassisches Game Development mit den Anforderungen einer Generation zu kombinieren, die ohne Spielkonsolen und elektronischen Geräten aufgewachsen ist. Das Interface musste dementsprechend einfach gehalten werden. Diese Herausforderung gelang den Gründern aber und heute sind die RetroBrain-Konsolen flächendeckend in deutschen Altersheimen anzutreffen.

RetroBrains Geschäftsmodell ist ein sehr zukunftsträchtiges. Als Social Business verfolgt es soziale Ziele, wie die Inklusion von alten Menschen in die Gesellschaft und das gesunde Altern. Diese Ziele werden aber nicht als Nonprofit-Organisation verfolgt, oder durch Spenden finanziert, sondern mit der Idee des Kapitalismus verbunden. So werden durch die Verbesserung der Gesellschaft Gewinne eingefahren und auch für andere Unternehmen der Anreiz geschaffen, sich für Soziales zu engagieren und dabei trotzdem Geld zu verdienen. RetroBrain agiert hier als ein Vorreiter und kann sicherlich dabei helfen den Trend in eine sozialere Wirtschaft zu weisen. Eine Win-Win Situation für die Gesellschaft und Unternehmer.


Kapitel 2: Was ist eigentlich sozial und wie verändert sich der Begriff im Laufe der Zeit?

Bei der Definition von Sozialem muss man allerdings beachten, dass sozial für jeden Menschen etwas anderes bedeutet. Jeder Mensch hat unterschiedliche Wertevorstellungen. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen oft und werden fließend. Eine allgemeingültige Definition des Begriffs „Sozial“ ist also nicht ohne Weiteres möglich. 

Zudem muss man bedenken, dass sich eine Gesellschaft im Laufe der Zeit verändert. Durch große und radikale Innovationen kommt es zu neuen Formen des Zusammenlebens und somit zu neuen Definitionen des Begriffs sozial. 

So ist die Organisation des Zusammenlebens von Menschen durch die Möglichkeiten der Kommunikation untereinander geprägt. Durch die Entwicklung der Sprache fingen die Menschen an, sich in Dörfern zu organisieren. Die Entwicklung der Schrift ließ die Dörfer dann zu Städten anwachsen. Mit dem Buchdruck und der damit verbundenen unverfälschten Informationsübermittlung entstanden Staatengebilde. 

Glaubt man dieser Theorie, stellt sich die Frage, zu welcher Organisationsform uns die Digitalisierung führt. Schließlich können wir heutzutage in Echtzeit mit Menschen auf der gesamten Welt kommunizieren. Geben wir die Idee des Nationalstaates also in Zukunft auf und globalisieren wir unsere Regierung? Es wird sehr spannend werden dies zu beobachten, auch wenn die derzeitige politische Entwicklung leider oftmals in eine andere Richtung läuft.

Klar ist, dass die mit der Digitalisierung in Verbindung stehenden Änderungen bei vielen Menschen Angst auslösen. Bisher hat die Menschheit jedoch jede dieser Entwicklungsstufen, die einen ähnlich gravierenden Einfluss auf das Leben der Menschen hatten, meistern können. 

Durch den Buchdruck fühlten sich zum Beispiel viele Menschen in ihrem Zusammenleben bedroht. Sogar Gelehrte der damaligen Zeit waren der Meinung, dass Bücher die bisherigen Gespräche ersetzen könnten und so die gesellschaftliche Kommunikation zusammenbrechen würde. Aus heutiger Sicht wirkt dies natürlich lustig, doch damals hatten Menschen diese Angst vor der Zukunft tatsächlich. Vielleicht werden also auch unsere Urenkel eines Tages über unsere Ängste gegenüber der Digitalisierung lachen.


Kapitel 3:  Gesellschaftliche Menschenbilder und Menschenbilder im Gaming

Wie bereits gesagt, verändern radikale Innovationen die Gesellschaft und das Zusammenleben der Menschen. Zweifelsohne wird auch die Digitalisierung erheblichen Einfluss auf unseren Alltag haben und riesige Chancen, aber auch gewaltige Risiken bergen. Deshalb ist es essentiell, dass die Gesellschaft sich als Ganzes an der Diskussion über die Zukunft und vor allem dem Umgang mit dem Neuen beteiligt. Nur zusammen können wir die nächste Phase des menschlichen Zusammenlebens meistern. 

Das Problem hierbei ist, dass häufig elitäres Denken und elitäre Ausdrucksweisen, die die breite Masse der Gesellschaft nicht versteht, eben diese Menschen von einer Beteiligung ausgrenzen. Wir können nicht zahllose Zugangsvoraussetzungen für eine Diskussion schaffen, die wir mit allen Menschen führen müssen. 

Ebenso muss jedoch auch die Bereitschaft in den Menschen geweckt werden, sich zu beteiligen. Wenn wir erst nach dem Wandel schauen, wie wir als Gesellschaft auf ihn reagieren wollen, ist es schon zu spät für rationale Maßnahmen. 

Warum Gaming hierbei helfen kann, zeigt sich an den Menschenbildern von Spielleitern bzw. Spieleentwicklern. 

Ein Spielgestalter fragt sich, was können die Menschen gut und wie können sie es in einem Spiel anwenden? Im Spiel sollen die Menschen wachsen und sich auf ihren Stärken basierend in einer anderen Welt zurechtfinden. 

Bei unserer heutigen Gesellschaft wird der Fokus dagegen oftmals darauf gelegt, was ein Mensch nicht kann. Alte Menschen z.B. werden angewiesen, sich zu bewegen, damit sie ihre bereits eingeschränkte Bewegungsfähigkeit nicht gänzlich verlieren. 

Bei einem Spiel wie RetroBrain wird dagegen durch die noch vorhandene Bewegungsfähigkeit ein Motorrad gelenkt. So bewegen sich die Menschen aus Spaß und weil sie es können, nicht weil sie es sollten. 


Kapitel 4: Und was ist eigentlich mit dem Datenschutz?

Durch die Digitalisierung kann eine große Breite an Daten erhoben werden. So ist zum Beispiel Netflix dazu in der Lage, auf Basis der Daten der angeschauten Serien und Filme eigene Serien und Filme zu produzieren, die genau auf die Wünsche der Zuschauer abgestimmt sind. Schauspieler, Themen und Formate werden so durch die Daten vorgegeben und dementsprechend umgesetzt. 

Für den Kunden ist dies einerseits gut, weil er das bekommt, was ihm bisher gefällt. Auf der anderen Seite jedoch, wird jegliches künstlerisches herumexperimentieren verunmöglicht. Vollkommen neue und bisher unbekannte Formate wird es so nicht mehr geben, denn die Kunden wünschen sich ja nicht, was sie bis dato nicht kennen. 

In diesem Zusammenhang steht auch die Freiheit der Menschen, mit ihren Daten zu tun, was sie wollen. So sollte es laut den beiden Gesprächspartnern möglich sein, sämtliche Daten für sich zu behalten, oder sämtliche Daten zu veröffentlichen, wenn das von einem Individuum so gewünscht wird. Diese Entscheidung kann und darf einem Menschen nicht abgenommen werden, da ansonsten die Freiheit eines Menschen stark beeinträchtigt wird. 


Kapitel 5: Komplex, kompliziert und was dies mit Gaming und der Politik zu tun hat

Im Podcast wird auch eine Abgrenzung der Begriffe Kompliziert und Komplex vorgenommen. Ein kompliziertes Problem ist demnach zwar sehr undurchsichtig, aber dennoch lösbar, auch wenn es sehr schwierig ist. Durch künstliche Intelligenz werden wir wohl irgendwann in der Lage sein, all solche Probleme zu lösen und vorherzusagen.

Ein komplexes Problem dagegen, beinhaltet so viele Variablen und so viele Möglichkeiten, dass wir es unmöglich lösen und vorhersagen können. Die Zukunft wird durch so viele Aspekte beeinflusst, dass wir sie wohl niemals beeinflussen können. Wir können nur eine Reihe von Hypothesen und Szenarien aufstellen, die möglicherweise eintreten könnten und die Zahl dieser begrenzen. Aber eine einzige Voraussage zu treffen, wäre bei etwas so Komplexem wie der Zukunft schlicht falsch.

Die Außenpolitik z.B. ist sehr komplex und verworren. Es ist schwer, eine Entscheidung zu treffen und deren mögliche Auswirkungen abzuwägen. So stehen sich hier beispielsweiße die Souveränität der Staaten, der Schutzwürdigkeit der Menschenrechte gegenüber. Ein Staat sollte in Ruhe gelassen werden, doch wenn er bewusst die Menschenrechte ignoriert, haben andere Staaten die Pflicht, diese Rechte zu schützen („Responsibility to protect“). 

Manoucher beschäftigt sich derzeit deswegen u.a. mit der Frage, wie Politik durch Gaming profitieren kann und welche Spiele hierfür geeignet sind. 

Auf jeden Fall kann durch Spiele das Dilemma der Entscheidungen aufgezeigt werden. Als Beispiel hierfür wird „The Witcher 3“ angeführt, da hier unterschiedliche politische Entscheidungen zu unterschiedlichen Enden führen.  


Fazit

Sozial ist für jeden Menschen unterschiedlich zu definieren. Durch radikale Erfindungen und Innovationen verändert sich unser Zusammenleben. Als Gesellschaft werden wir uns an der Diskussion beteiligen müssen, wie wir die Zukunft bestmöglich gestalten wollen. Vor allem in der Datennutzung müssen wir uns darüber klar werden, wie viele Daten wir zur Verfügung stellen wollen, um bessere Angebote zu erhalten, uns aber gleichzeitig vor Datenmissbrauch zu schützen.

Gaming liefert verschiedene Lösungsansätze beim Meistern von gesellschaftlichen Veränderungen. Es gibt uns die Möglichkeit, auch Menschen zu integrieren, die sonst aufgrund von Vorurteilen eher außenvor gelassen werden. Gaming hilft uns dabei, uns in der digitalisierten Welt besser zurecht finden zu können. Auch in der Politik kann Gaming bei Verständnisproblemen unterstützen. 

Social Businesses werden wohl in nächster Zeit an Zahl zunehmen, da sie soziale Ziele mit wirtschaftlichen Zielen verbinden und somit der Gesellschaft bei ihren Problemen helfen. RetroBrain ist hier Vorreiter und hilft älteren Menschen in ihrem Alltag. Solche Start-Ups werden unser Zusammenleben verändern und sicherlich verbessern. 

Die Digitalisierung macht vielen Angst, doch bisher ist aus jeder Phase eines solchen radikalen Wandels eine Gesellschaft hervorgegangen, die nicht nur gestärkt, sondern auch glücklicher und freier war. Gehen wir also der Zukunft positiv und vor allem spielerisch entgegen!


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