Professor Christian Kreiß arbeitete als Bankier in verschiedenen Geschäftsbanken und war außerdem als Investmentbanker tätig, bevor er die Seiten wechselte. Seit 2002 ist er Professor für Finanzierung und Wirtschaftspolitik  an der FH Aalen. Der Autor von fünf Büchern gilt als Experte für Finanzkrisen, geplanten Verschleiß, gekaufte Forschung und Werbekritik. Er sieht sich als Fürsprecher einer menschengerechten Wirtschaft. Auf dem Entrepreneurship Summit 2019 hielt Kreiß einen Vortrag zum Thema „Wie wir ohne Werbung besser leben könnten“.

Was ist schlecht an kommerzieller Werbung? 

  1. Kommerzielle Werbung schafft keine Wirtschaftsgüter. Landete Robinson Crusoe mit vier weiteren Menschen auf einer Insel, würde einer angeln, einer jagen, einer den Haushalt machen und einer Kleidung nähen. Der fünfte würde Werbung machen, von allen durchgefüttert, ohne selbst einen wirklichen Beitrag zu leisten.
  2. Werbung macht die Produkte teurer, denn Marketingkosten werden auf diese umgelegt.
  3. Werbung ist unehrlich und irreführend. Weil sie verkaufen, und nicht informieren soll, verschweigt sie Tatsachen, z.B. gesundheitsschädliche Aspekte von Produkten. 
  4. Werbung ist systematisch attributionsirreführend. Sie verleiht Produkten Attribute, die diese nicht verdienen – so wird zum Beispiel das Rauchen mit Reiten und Wildnis in Verbindung gebracht.
  5. Werbung verschleiert Wahrheit. Fast alle Bilder sind bearbeitet und schaffen Ideale, die niemand erreichen kann.
  6. Je mehr Werbung, desto kranker die Kinder. Deutsche Kinder sehen pro Jahr 20.000-40.000 Werbespots. Der Großteil der darin beworbenen Nahrungsmittel ist ungesund.
  7. Werbung untergräbt die evidenzbasierte Medizin. Die Pharmaindustrie investiert zweimal so viel in Marketing wie in Forschung und Entwicklung. 
  8. Wir ertrinken in Werbung. Sie flutet unseren Alltag mit 3.000-13.000 Spots pro Tag.
  9. Werbung schadet unserer Umwelt: Wir produzieren mehr Produkte als nötig und werfen sie weg.
  10. Werbung untergräbt die Pressefreiheit. Je mehr Werbung, umso weniger Pressefreiheit, weil viele Medien werbefinanziert sind.
  11. Werbung hat Auswirkungen auf die Politik: Wir haben einen Lobbyismus zugunsten der Konzerne und nicht der Menschen.

Warum gibt es dennoch Werbung?

Da ist zum einen das Gewinnmaximierungsprinzip, welches seit 30 Jahren an Hochschulen weltweit gelehrt wird. Es geht nicht mehr darum, gute Produkte zu machen, sondern nur noch um immer höhere Gewinne.

Zum anderen hört man oft, dass ein Wegfall der Werbebranche eine Massenarbeitslosigkeit auslösen würde. Dies ist reine Panikmache. Tatsächlich hätten wir in diesem Fall eine Woche mehr Jahresurlaub, kein einziges Produkt weniger und mehr Zeit für sinnvolle Tätigkeiten. 

Gegenbeispiele

Es gibt bereits vielerorts Werbeeinschränkungen. Sao Paolo ist seit 2007 werbefrei. Die Ökonomie ist nicht zusammengebrochen und die Menschen dort wollen nicht zurück in die blinkende Werbewelt. In 1500 Städten gibt es Werbeeinschränkungen für Außenwerbung. In Skandinavien gibt es ein Kinderwerbeverbot. In Deutschland haben wir ein Werbeverbot für Tabak und Alkohol.

Es gibt auch Unternehmen, die auf Werbung verzichten: Leonardo Wölkchen, Oettinger, Primark – und es funktioniert

Wir brauchen kollektive Lösungen, um gegen Werbung vorzugehen. Unsere Städte wären lebenswerter. Wir müssten nur 15 Stunden pro Woche arbeiten und hätten mehr Zeit für sinnvolle Tätigkeiten, für unsere Kinder und die Natur. 

Fazit

Werbung ist eine Marktstörung. Sie stört die Marktwirtschaft und den Wettbewerb. Werbung in ihrer jetzigen Form entstand durch das Streben nach Gewinnmaximierung von Unternehmen. Zudem wird durch den Wegfall der Werbewirtschaft Massenarbeitslosigkeit prophezeit. Doch es gibt Beispiele, die zeigen, dass es ohne Werbung funktionieren kann. Profitable Unternehmen, die ohne Werbung auskommen oder Kommunen, die komplett werbefrei funktionieren. Man sieht also: wir können umdenken und etwas ändern, wenn wir es nur wollen. Laut Prof. Kreiß wäre die Zukunft so lebenswerter für alle.

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Bild: © 2018 Hannes Kutza