Prof. Günter Faltin ist Gründer der Stiftung Entrepreneurship, welche jedes Jahr den Entrepreneurship Summit in Berlin veranstaltet. Er ist Professor an der Freien Universität Berlin, Investor und Coach verschiedener Start-Ups und selbst Gründer der Teekampagne, dem heute größten Importeur von Darjeeling-Tee. Er ist Autor mehrerer Bücher und hält seit 2010 den Bundesverdienstorden für seine Pionierleistungen im Entrepreneurship. Seine Keynote “Wir können Ökonomie besser” war gleichzeitig das Motto des gesamten Summits 2019.

Eine kleine Geschichte der Ökonomie

Vor 150 Jahren gab es zwei wichtige Akteure in der Wirtschaft. Kapital und Arbeit. Diese schufen eine Menge Wohlstand und rangen um die Verteilung dieses Wohlstands. Heute stellen wir allerdings fest, dass es einen dritten Akteur gibt - die Natur. Machen wir mit dem Streben nach Wohlstand so weiter wie bisher, wird der dritte Akteur zerstört werden. Es braucht also neue Regeln. Um zu verstehen wie diese Regeln auszusehen haben, müssen wir bis zum Beginn der Wirtschaftsgeschichte zurückzugehen. Von Aristoteles bis in die Neuzeit hatte die Ökonomie als Dienerin des Menschen die Aufgabe Mangel zu beseitigen und damit angenehmere Lebensverhältnisse zu schaffen. Schon früh gab es aber Leute wie den Ökonom Keynes, die sahen, dass wir auf diese Weise irgendwann einen Punkt erreicht haben werden, an dem der Mangel beseitigt ist. An diesem Punkt sollte man sich anderen Dingen, wie der Familie und der Natur, stärker zuwenden. Tatsächlich trat dies in den reichen Ländern der Erde in den 70er und 80er Jahren ein. Der Menschheitstraum des beseitigten Mangels ging in Erfüllung. Es passierte allerdings nichts, die Ökonomie änderte sich nicht und bis heute strebt man weiter nach Wachstum.

Und jetzt?

Heute wird Mangel künstlich erzeugt. Hierdurch entsteht extremer Verkaufsdruck, welcher eine Marketingmaschinerie in Gang gesetzt hat, die absurde Auswüchse angenommen hat. So sieht man z.B. am Preis für ein T-Shirt, dass nur ein kleiner Bruchteil der Kosten in der Produktion und dem Transport verursacht werden und 75% in der Werbung und dem Handel erzeugt werden. Dies gilt in ähnlicher Form für die meisten Produkte. Bei Beuteltee z.B. liegt dieser Anteil sogar bei über 86%. Noch dazu ist Markenaufbau und Werbung extrem ressourcenfressend. Doch selbstverständlich wird die Industrie und die Marketingbranche ihre eigenen Interessen nicht aufgeben. 

Deshalb rief Faltin dazu auf in die Opposition zu gehen. Gegen eine Ökonomie, die einfach weitermacht und übersehen hat, dass sie den Wendepunkt längst erreicht hat. Man muss sich die Frage stellen was wir wirklich brauchen. Und dies muss in einer besseren Qualität, einer besseren Haltbarkeit und Verträglichkeit produziert werden. Faltin nennt hierbei den Begriff Freundschaftsökonomie. Hier tritt man direkt mit dem Hersteller in Kontakt und bietet ihm höhere Beträge als die großen Konzerne unter der Bedingung qualitativ hochwertige und faire Produkte herzustellen und Mitspracherecht zu haben. Spart man sich nun den größten Teil des Marketings, können die Produkte dennoch zu kompetitiven bzw. sogar günstigeren Preisen auf den Markt kommen.

Es stellt sich die Frage wie man in diesem Fall Aufmerksamkeit gewinnen kann. Das heutige Marketing nennt Faltin Dinosauriermarketing. Das meiste Geld wird in Marketing investiert und der eigene Markenname wird den Menschen so oft wie möglich ins Gehirn gebrannt. Dieses Spiel kann man als Entrepreneur nicht mitspielen. Vielmehr geht es um “purpose”, man muss sich für etwas Gutes einsetzen und hierüber aufklären. Über soziale Medien kann man dies sehr kostengünstig nach außen tragen. So wird der Kunde zum Botschafter und empfiehlt das Produkt bzw. die Dienstleistung weiter.

Fazit

Wir müssen nicht weiter mit Kapital für Konsum sorgen. Es braucht neue Regeln für die Ökonomie. Entrepreneure müssen eine neue Art von Aufmerksamkeitsökonomie schaffen, die nicht ressourcenfressend ist. Es gilt mit den Herstellern in direkten Kontakt zu treten, faire Preise für gute Produkte zu zahlen und Aufmerksamkeit für seine Produkte mit Aufklärung und Mitspracherecht zu schaffen. Dies ist alternativlos weil die jetzige Form der Ökonomie die Umwelt zerstören wird.

Hier geht's zu den weiteren Beiträgen des Entrepreneurship Summit 2019.

Bild: © 2018 Hannes Kutza