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Wir sind Vielfalt! Medien und Diversität

Medien haben eine gesellschaftliche Verantwortung, sowohl in der Fiktionalität als auch in der Berichterstattung über die reale Welt. RTL-Moderatorin Nazan Eckes führte auf den Medientagen München durch ein eineinhalb stündiges Programm zum Thema Rassismus, Ausgrenzung und Diversität in den deutschen Medien. Den Anfang machte Nana Addison von der Curl Agency mit einer Keynote über die Eindimensionalität und fehlenden Diversität im Content vieler Medien.

Diversität in Storylines und Personas

Jeder vierte in Deutschland wird nicht in den Medien repräsentiert und kann sich selten mit den Figuren und Persönlichkeiten identifizieren - weil er oder sie nicht weiß ist. Laut Nana Addison liegt das Problem in der fehlenden Diversität, die sich vor allem durch einseitige Storylines und Charakterzüge zeigt. Ihrer Meinung nach reicht es nicht, Personas nur nach Alter, Gender, Einkommen und Hobbies einzuteilen. Das gilt für Marketing Personas und User Profile genau wie für fiktive Figuren. Sie hat deshalb fünf Schichten entwickelt, mit denen Personas vielschichtiger entwickelt werden können: Gender, Race, Ethnie, Kultur und Nationalität. Nana Addison weist besonders darauf hin, dass ihr Konzept nur funktioniert, wenn Diversität auch in der Produktion gelebt wird. Einige Bestandteile der fünf Schichten kann man nicht erlernen, sondern müsse sie wirklich selber leben.

Diversität bei Netflix

Dem stimmt Nazan Eckes nächste Gesprächspartnerin, Rachel Eggebeen, zu. Sie ist bei Netflix für den deutschen Serienmarkt zuständig und erkennt die riesige Verantwortung, die ein großer Streaming Dienst wie Netflix hat. Auch bei der Produktion von Serien geht es nicht nur darum, dass durch die Wahl bestimmter Schauspieler eine Art Pseudo-Diversität auf eine Serie draufgelegt wird. Der Prozess muss bereits bei der allerersten Idee beginnen, dann bewegt man sich automatisch in die richtige Richtung. Diversität muss sich für den Zuschauer natürlich anfühlen und jede Bevölkerungsgruppe sollte sich repräsentiert und unterhalten fühlen. Alleine schon aus wirtschaftlichen Gründen: je mehr Menschen inkludiert werden, desto mehr Zuschauer sehen den Content und sind bereit, für ein Abo zu zahlen.

Diversität beim linearen Fernsehen

Streamingdienste haben bereits viel erreicht und Diversität in vielen Eigenproduktionen als selbstverständlich betrachtet. Doch wie sieht es im klassischen linearen Fernsehen aus? Darüber sprach Nazan Eckes mit Regisseurin und Autorin Soleen Yusef, Nataly Kudiabor von der UFA Fiction und Christoph Pellander von ARD DEGETO. Im Vergleich zu den Streaming-Anbietern hat das lineare Fernsehen in Deutschland noch deutlich mehr zu tun. Laut Nataly Kudiabor scheitert es in vielen Fällen an der fehlenden Mitarbeit im Team hinter den Kulissen. Doch in letzter Zeit öffnen sich immer mehr Türen, so Soleen Yusef. Sie muss bei der Erklärungen zum Thema Diversität nicht mehr jedes mal komplett bei Null anfangen, sondern kann sich auf ein gewisses Vorwissen verlassen. Christoph Pellander weist außerdem darauf hin, dass durch neue Formate viel erreicht werden kann. So wird beispielsweise in der ARD Mediathek Content über Diversität und mit diverser Besetzung deutlich besser angenommen als im linearen Programm. Das vor allem die Öffentlich-Rechtlichen das Thema dringend angehen müssen, da sind sich alle drei einig. Ziel sollte es sein, die Realität der Gesellschaft abzubilden, in fiktiven Formaten, in der Berichterstattung über die reale Welt und auch hinter den Kulissen.

Zielgruppenorientierte Berichterstattung

In der zweiten Diskussionsrunde des Themenblocks “Diversität” kamen Aminata Belli von Funk, Sham Jaff von dem Newsletter What Happened Last Week, Patrick Dewayne von “Welt” sowie Markus Bornheim von ARD Aktuell zu Wort. Nazan Eckes lenkte das Gespräch vor allem auf zielgruppenorientierte Berichterstattung. Markus Bornheim gibt zu, dass es in der Redaktion von ARD Aktuell an Diversität fehlt, obwohl die Zielgruppe sehr divers ist - nämlich alle GEZ-Beitragszahler in Deutschland. Aminata Belli und Sham Jaff verfolgen in ihren Formaten einen anderen Ansatz: Sie möchten vor allem interessierte Menschen erreichen, unabhängig von persönlichen Merkmalen wie Herkunft oder Kultur. Das Ziel verfolgt auch Patrick Dewayne: er persönlich machte bisher die Erfahrung, bei seiner Arbeit als Experte für Der Aktionär TV als das wahrgenommen zu werden, was er ist - ein Experte für das Börsengeschehen. Nicht mehr und nicht weniger. Das sei in fiktionalen Formaten häufig nicht der Fall. Im Laufe der Diskussion stellte sich eine Sache besonders in den Vordergrund: die Normalität. Es sollte in allen Bereichen der Content Creation in Medien normal sein, in diversen Teams zu arbeiten und allen Menschen mit Respekt zu begegnen. Zum Schluss gibt Aminata Belli den Zuschauern noch einen weiteren Ansatz auf den Weg: Diversität bedeutet auch, sich außerhalb der gängigen Schönheitsideale zu bewegen. Da hat die deutsche Medienlandschaft noch einen sehr weiten Weg vor sich.



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